Acht Whiskys, acht ganz unterschiedliche Fassgeschichten, vier darauf abgestimmte Gänge – und am Ende sogar noch ein neunter Überraschungsdram: Die Tasteful 8 des Brühler Whiskyhauses gingen 2026 unter dem Motto „The World of Casks“ in ihre fünfte Runde. Und dieses Motto passte diesmal nicht nur hervorragend auf die Etiketten, sondern vor allem auf das, was anschließend im Glas landete.
Wer die Tasteful 8 des Brühler Whiskyhauses schon länger verfolgt, kennt das Prinzip: Acht eigens ausgewählte Abfüllungen aus dem A-Dream-of-Scotland-Kosmos treffen auf mehrere Tastingabende und ein dazu abgestimmtes Vier-Gänge-Menü.
Dabei bekam jede Ausgabe bisher ihr eigenes optisches und erzählerisches Thema. Die erste Serie spielte noch mit Western- und „Hateful Eight“-Motiven, später ging es in die Golden 20’s, hinter die Filmkamera der Cinema Director’s Casks und 2025 zurück zu den Heroes of Childhood. Schöne Ideen, schöne Etiketten – aber eben Themen, die zunächst einmal mehr mit der Geschichte auf der Flasche als mit deren Inhalt zu tun hatten.
2026 war das anders.
The World of Casks – diesmal ist das Thema wirklich im Glas
„The World of Casks“ lautete das Motto. Dazu die passenden Unterzeilen „Every Cask tells a Story“ und „Crafted by Wood – Perfected by Time“.
Und genau darum sollte es gehen: Fassarten, Vorbelegungen, Vollreifungen und Finishes.
Armagnac, Vermouth, ein uraltes Sherryfass, Port, Bourbon, jamaikanischer Rum, Mead und Pauillac-Rotwein – allein beim Blick auf das Line-up war klar, dass diesmal eine ziemlich abwechslungsreiche Reise durch die Fasswelt bevorstand.
Passend dazu zeigten auch die Etiketten unterschiedliche Aspekte rund um Fassbau, Holz und Reifung. Damit entstand schon vor dem ersten Dram ein erstaunlich geschlossenes Gesamtbild: Thema, Gestaltung und Inhalt gehörten diesmal unmittelbar zusammen.
Und dann musste nur noch der Whisky liefern.
Spoiler: Das tat er.
Cambus 32 Jahre – Armagnac Cask Finish, 48,4 % vol.
Den Auftakt machte ein alter Bekannter aus der Grain-Welt: 32 Jahre Cambus, davon 43 Monate im Armagnac-Fass nachgereift.
In der Nase kamen Veilchen, die für Grain nicht ganz untypische leichte Uhu-/Klebstoffnote, dazu Nashibirne, Sommerapfel, Kokosnuss und amerikanische Eiche.
Ein angenehmer, süffiger Einstieg. Nicht wahnsinnig komplex und in der Nase letztlich spannender als am Gaumen – aber als erster Dram funktionierte er hervorragend.
Oder wie es später in unserer kleinen Nachbesprechung hieß: ein guter „Dosenöffner“.
Cambus-Fans hätten sich vielleicht sogar etwas mehr von den charakteristischen Grain-Aromen gewünscht. Gerade die vergleichsweise milde Art kam am Tisch allerdings ebenfalls gut an. Kein außergewöhnlicher Cambus, aber ein guter Start in einen langen Abend.
Irish Single Malt 24 Jahre – Vermouth Cask Finish, 42,1 % vol.
Dazu: Anis-gebeizter Lachs, Mango-Fenchelsalat und Wildkräuter
Und plötzlich war sie da: eine der besten Nasen des ganzen Abends.
Der 24-jährige Ire, den wir am Abend dem Teeling-Umfeld zuordneten, hatte nach seiner Reifung noch 18 Monate im Vermouth-Fass verbracht.
Und aus dem Glas kam vor allem eines:
Maracuja.
Sehr viel Maracuja.
Dazu Pfirsich – oder besser gleich Pfirsich-Maracuja. Eine richtig schöne tropische Fruchtbombe, die Erinnerungen an den 21-jährigen Bushmills weckte, der bei dieser Art von exotischer Fruchtigkeit bis heute eine kleine Referenz darstellt.
Am Gaumen konnte der Whisky das gewaltige Versprechen seiner Nase nicht vollständig einlösen. Trotzdem war das richtig stark und einer der Drams, bei denen ziemlich schnell der Gedanke aufkam: Davon könnte man sich eigentlich eine Flasche hinstellen.
Auch der erste Gang von ROOTS Catering aus Bonn passte hervorragend und griff die Fruchtigkeit des Whiskeys wunderbar auf.
Lochranza (Arran) 15 Jahre – Finish im Sherryfass von 1974, 57,2 % vol.
Dann wurde es fassmäßig endgültig spektakulär.
Der 15-jährige Lochranza, also ein Arran, erhielt sein Finish in einem Sherryfass aus dem Jahr 1974. Nach den Erläuterungen des Abends hatte darin zuvor über drei Jahrzehnte PX-Sherry gelegen.
Das muss man sich einmal vorstellen.
Entsprechend deutlich meldete sich das Fass anschließend im Whisky zu Wort.
Kakao, süße Schokolade, Kokos, Vanille, kräftige Gewürze, ein kleiner Hauch Wacholder und leichte Tannine – dazu die satte Süße, die man von einem stark geprägten PX-Fass erwartet.
Sehr lecker. Sehr intensiv. Und ohne Zweifel außergewöhnlich.
Gleichzeitig war das einer der Whiskys, bei denen die Frage erlaubt ist, wer eigentlich Hauptdarsteller ist: Destillat oder Fass?
Hier lautet die Antwort ziemlich eindeutig: das Fass.
Der Whisky war deutlich fasslastig. Wer alte, intensive Sherryfässer liebt, dürfte damit großen Spaß haben. Wer möglichst viel unverfälschten Brennereicharakter sucht, vielleicht etwas weniger.
Aber spektakulär war das definitiv.
South Islay 19 Jahre – Refill Port Cask Matured, 52,3 % vol.
Dazu: Fasanenessenz, Liebstöckl und Backpflaumenknödel
South Islay – und eigentlich wusste am Abend jeder ziemlich schnell, welche Brennerei gemeint war.
Der Name Lagavulin durfte nicht auf dem Label stehen, geschmacklich war die Herkunft für uns jedoch ziemlich eindeutig.
Und es entstand sofort eine schöne Erinnerung an frühere Zeiten des Brühler Whiskyhauses. Damals gab es unter anderem die beiden eigenständigen Labelserien Clowns – mit ihren herrlich schrägen Horrorclowns – und Skulls mit den Totenkopfmotiven. Auch dort hatten uns einige unabhängig abgefüllte Lagavulins begleitet.
Der 19-Jährige knüpfte daran wunderbar an.
Typischer Lagavulin-Rauch, dazu die Fruchtigkeit des Portfasses. Nicht überladen, nicht künstlich auf Effekt getrimmt, sondern einfach eine Kombination, die hervorragend funktioniert.
Frucht und Rauch.
Solide klingt fast schon zu nüchtern dafür. Es war schlicht eine sehr runde, stimmige Angelegenheit.
Auch das Pairing funktionierte hier ausgesprochen gut und unterstrich die dunklere, würzige Seite des Whiskys.
Littlemill 26 Jahre – Bourbon Hogshead, 52,9 % vol.
Und dann stand da plötzlich einfach Whisky im Glas.
Das ist keineswegs abwertend gemeint. Ganz im Gegenteil.
Nach Armagnac, Vermouth, einem uralten Sherryfass und Port war der 26-jährige Littlemill aus einem klassischen Bourbon Hogshead fast schon wohltuend unaufgeregt.
Und geschmacklich war er für uns der Sieger der offiziellen acht Abfüllungen.
Schokolade, cremige Vollmilchschokolade, fast etwas Kinderschokolade, Kakaostaub, Vanille und ein kleiner Spritzer Zitrusfrucht.
Dazu diese schwer zu beschreibende Note, die ein richtig gut gereifter alter Whisky haben kann.
Er schmeckte schlicht alt – im besten Sinne.
Sauber gereift, cremig, harmonisch und ohne den Versuch, sich mit irgendeinem wilden Finish wichtigzumachen.
Hinzu kommt die Geschichte von Littlemill. Die Lowland-Brennerei existiert heute nicht mehr und gehört damit zu den sogenannten Lost Distilleries. Neue Bestände kommen also nicht mehr nach, entsprechend rar und gesucht sind alte Abfüllungen.
Damit relativiert sich auch der Preis ein Stück weit.
Rund 379 Euro sind selbstverständlich enorm viel Geld für eine Flasche Whisky. Bei einem 26 Jahre alten Littlemill dieser Qualität aber nicht vollkommen absurd. Der Whisky ist rar, die Destillerie kommt nicht zurück und die Bestände werden zwangsläufig kleiner.
Billig ist das nicht.
Aber billig kann so etwas eben auch nicht mehr sein.
Mannochmore 15 Jahre – 21 Monate Jamaica Rum Cask Finish, 55,3 % vol.
D
azu: Rosa Tranchen vom Topside-Steak à l’Orange, Kartoffel-Kürbisstampf und gedünsteter Porree
Vielleicht habe ich einfach ein Herz für die etwas weniger beliebten Kinder.
Mannochmore gehört nicht unbedingt zu den Brennereien, deren Fans mit Fahnen und Trikots zu Whiskyfestivals fahren. Und auch Rumfass-Finishes haben es unter Whiskyfans nicht immer leicht.
Umso schöner, wenn beides zusammen richtig Spaß macht.
Das Jamaica-Rumfass war sofort präsent. Banane in der Nase, karibische Aromen und vor allem diese herrliche Note von angebranntem Karamell.
Nicht nur süß. Eher kernig, leicht dunkel, vielleicht sogar ein wenig dreckig.
Genau das machte den Whisky interessant.
Er war einer der auffälligsten Drams des Abends und mein Überraschungsfavorit – und das noch bevor bekannt war, dass ausgerechnet dieser Mannochmore auch preislich zu den attraktivsten Abfüllungen des Line-ups gehörte.
Damit wurde aus dem Außenseiter auch noch ein kleiner Preis-Leistungs-Sieger.
Auch das kräftige Gericht dazu passte sehr gut und gab dem Rumfass-Charakter eine passende herzhafte Begleitung.
Dufftown 18 Jahre – 9 Monate Mead Barrel Finish, 53,1 % vol.
Jetzt kam das Experiment.
Mead ist schlicht das englische Wort für Met, also vergorenen Honigwein. In diesem Fall bekam der Whisky ein Finish in einem entsprechenden Metfass.
Die Idee entstand aus einer Kooperation mit einer Rockband und sollte gleichzeitig so etwas wie ein Praxistest sein: Funktioniert ein Metfass tatsächlich mit einem 18-jährigen Scotch?
Die Meinungen im Raum gingen erwartungsgemäß auseinander.
Einigen war der Whisky schlicht zu süß. Andere fanden ihn ausgesprochen lecker.
Und irgendwo dazwischen lag wahrscheinlich die Wahrheit.
Es war definitiv kein Honiglikör im Whiskygewand. Der Dufftown blieb eindeutig Whisky, wurde durch das Mead-Fass aber sehr süffig, süß und unkompliziert.
Vielleicht muss auch nicht jeder Dram ehrfürchtig bei Kerzenschein analysiert werden.
Dieser hier wäre ein ziemlich guter Whisky fürs Pub-Quiz, zum Burger, vielleicht noch mit einem Bier daneben. Ein Whisky, mit dem man einfach Spaß haben kann.
Nur eben mit respektablen 18 Jahren auf dem Buckel.
Warum nicht?
Port Charlotte 17 Jahre – Pauillac Redwine Cask Finish, 54,1 % vol.
Dazu: Rauchmandel-Karamellparfait, Rotweinkirschen und Mokkaerde
Zum offiziellen Abschluss noch einmal Islay.
Ein Port Charlotte, der trotz des Pauillac-Weinfasses erstaunlich vertraut blieb.
Rauchiger Port Charlotte und Rotwein sind schließlich keine völligen Fremden. Der Destilleriecharakter blieb jedenfalls deutlich erkennbar. Dazu kamen dunkle Früchte und ordentlich Süße aus dem Rotweinfass.
Oder wie jemand das Ganze später deutlich präziser auf den Punkt brachte als jede lange Tasting Note:
„Das ist so ein richtig schöner Drecksack.“
Kann man eigentlich genau so stehen lassen.
Die Weinfass-Süße war vielleicht schon einen Tick zu dominant, insgesamt funktionierte der Whisky aber sehr gut und kam am Tisch entsprechend positiv an.
Auch das Dessert dazu passte hervorragend und griff Rauch, Frucht und dunklere Aromen sehr stimmig auf.
Acht Whiskys? Da geht noch was!
Eigentlich wäre jetzt Schluss gewesen.
Aber nur eigentlich.
Zum Finale kamen noch zwei schöne Stücke gereifter Comté auf den Tisch.
Und Whisky Nummer neun.
Ein Handfill des Brühler Whiskyhauses:
Islay South Coast 14 Jahre – Vintage 2011
Syrah Wine Barrel Finish – 54,3 % vol.
Der Whisky wird direkt im Brühler Whiskyhaus als Handfill angeboten. Vor Ort kann also die eigene Flasche aus dem entsprechenden Behälter abgefüllt werden.
Am Abend wurde der Islay South Coast dem Ardbeg-Umfeld zugeordnet – und völlig unabhängig davon, was am Ende auf einem offiziellen Brennereietikett stehen dürfte: Der Whisky war richtig stark.
Das Syrah-Fass harmonierte wunderbar mit dem Rauch. Dunkle Frucht, kräftiger Islay-Charakter und Wein griffen ineinander, ohne dass eine Seite die andere erschlug.
Plötzlich fiel das Wort „outstanding“.
Und die vermeintliche kleine Zugabe schickte sich ernsthaft an, noch einmal das komplette Ranking durcheinanderzubringen.
Der heimliche Sieger des Abends?
Zumindest für einige verdammt nah dran.
Auch der Preis half: 84,90 Euro für 0,5 Liter sind nicht billig, für einen 14-jährigen Islay-Whisky in Fassstärke mit solch einem Finish aber absolut nachvollziehbar.
Zusammen mit dem gereiften Comté war das ein großartiger Schlusspunkt.
Das Essen: ROOTS liefert wieder ab
Die Whiskys sind natürlich der Star einer Tasteful Eight. Ein Whisky-Dinner lebt aber davon, dass auch die andere Hälfte funktioniert.
Und die funktionierte.
ROOTS Catering aus Bonn lieferte wieder ein starkes Vier-Gänge-Menü und schaffte es, die Whiskys sinnvoll zu begleiten, ohne ihnen die Show zu stehlen.
Die Pairings waren durchdacht, abwechslungsreich und an mehreren Stellen wirklich punktgenau. Genau so sollte Food Pairing funktionieren: nicht einfach nur gutes Essen neben gutem Whisky, sondern ein Menü, das die Aromen aufgreift, ergänzt und teilweise noch einmal in eine neue Richtung lenkt.
Marco, Fassbroker und gepflegter Wahnsinn
Natürlich wäre ein Abend im Brühler Whiskyhaus nicht vollständig, wenn ausschließlich sachlich über Alkoholstärken, Fassgrößen und Vorbelegungen gesprochen würde.
Marco lieferte wieder die erwartete Mischung aus Whiskywissen, persönlichen Anekdoten, Geschäftsgeschichten und Comedy-Show.
Dabei wurde durchaus tief in die Praxis eines unabhängigen Abfüllers geschaut: Wie funktioniert der Handel mit Fässern? Welche Rolle spielen Cask Broker? Wie entstehen Entscheidungen für bestimmte Finishes? Und welche geschäftlichen Geschichten passieren auf dem Weg vom Fass bis zur fertigen Flasche?
Zwischendurch wurden Mitarbeiter auf liebevoll-chaotische Art angetrieben, Geschichten ausgeschmückt und gelegentlich die ganz großen Fragen des Lebens, des Todes und der Zeit gestreift.
Wer das Brühler Whiskyhaus kennt, weiß ungefähr, was damit gemeint ist.
Und gleichzeitig merkt man bei solchen Abenden immer wieder, dass hinter all dem Klamauk ein Team steht, das offensichtlich sehr gerne miteinander arbeitet.
Fazit: Die vielleicht schlüssigste Tasteful Eight bisher
World of Casks war mehr als nur ein hübsches Motto.
Gerade das machte die 2026er Tasteful Eight so interessant.
Ein sehr alter Grain mit Armagnac-Finish. Tropische Früchte aus dem Vermouth-Fass. Ein wuchtiges Sherryfass von 1974. Rauch und Port. Ein klassischer alter Bourbonfass-Littlemill. Jamaica Rum, Mead und Pauillac – und schließlich noch Syrah als Bonus.
Das Line-up war erstaunlich ausgeglichen und zeigte vor allem eines: Fassreifung kann völlig unterschiedliche Aufgaben übernehmen.
Beim Arran stand das Fass praktisch im Rampenlicht. Beim Littlemill durfte es sich zurücknehmen und dem alten Destillat Raum lassen. Beim Mannochmore sorgte es für den Überraschungseffekt. Beim Dufftown polarisierte es. Und bei den Rauchern brachte es Frucht und Torf immer wieder neu zusammen.
Einen Totalausfall gab es eigentlich nicht.
Der Littlemill war geschmacklich der Sieger der offiziellen Acht. Der Mannochmore wurde zum Überraschungs- und Preis-Leistungs-Tipp. Der alte Arran lieferte vielleicht das spektakulärste Fass. Der Dufftown war das Experiment des Abends. Und der zusätzliche Islay-South-Coast-Handfill schaffte es tatsächlich noch, sich als möglicher heimlicher Gesamtsieger ins Gespräch zu bringen.
Dazu kamen ein hervorragendes Menü von ROOTS, ein bestens aufgelegtes Whiskyhaus-Team und ein Abend, bei dem Wissen und Genuss nie bierernst genommen werden mussten. Und nicht zu vergessen: Die erneut geniale und spektakuläre Tischdeko, samt abenteuerlichem Intro, gehört mittlerweile genauso zum gesamten Paket.
Oder anders gesagt:
Crafted by Wood – Perfected by Time?
An diesem Abend konnte man ziemlich gut schmecken, was damit gemeint war.










