Es gibt diese Abende, die man plant.
Und es gibt diese Abende, die sich einfach entwickeln.
Die S.P.I.R.I.T.S. 2026 von Schlumberger gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Denn eigentlich – und das ist keine Übertreibung – hatten wir uns vorgenommen, dieses Jahr alles ein bisschen ruhiger anzugehen.
Selektiver. Fokussierter.
Weniger Gläser. Mehr Gespräche.
Ein Satz, der rückblickend fast schon komisch wirkt.
Ein Event wird erwachsen – und bleibt sich treu
Fünf Jahre Influencer-Treffen.
Fünf Jahre Limburg.
Fünf Jahre „dieses eine Event im Jahr“.
Irgendwann braucht das Ganze einen Namen.
S.P.I.R.I.T.S. – Schlumberger Partner & Influencer Relations In Tasting Session.
Klingt erstmal wie ein typisches Akronym aus der Marketingabteilung.
Ist es vielleicht auch.
Aber: Es trifft den Kern erstaunlich gut.
Denn was dieses Event ausmacht, ist nicht die Menge der Whiskys – sondern die Qualität des Rahmens:
- maximal ~60 Leute
- direkte Gespräche mit Brand Ambassadors
- keine Hektik
- kein „noch schnell zum nächsten Dram“
Sondern: Zeit.
Und das ist im Whisky-Kontext wahrscheinlich die wertvollste Ressource überhaupt.
Schlumberger – mehr als nur Importeur
Was man bei solchen Abenden gerne vergisst:
Schlumberger ist nicht einfach nur ein Verteiler von Flaschen, sondern einer der führenden Premium-Distributeure für Wein, Schaumwein und Spirituosen in Deutschland.
Die Rolle geht dabei deutlich weiter als klassischer Vertrieb:
- Kurator von Marken
- Vermittler von Genusskultur
- Schnittstelle zwischen Produzent und Konsument
Gerade im Whiskybereich wurde das Portfolio in den letzten Jahren gezielt erweitert – mit einem Ansatz, den man am besten als „Whisky around the world“ beschreiben kann.
Und genau das spiegelt sich auch an diesem Abend wider:
Schottland, Taiwan, Irland, England, Schweiz, Deutschland – alles nebeneinander.
Ohne Hierarchie.
Ohne Dogma.
Drambassadors – die unterschätzte Schlüsselrolle
Und dann sind da die Menschen.
Die sogenannten Drambassadors oder Brand Ambassadors sind weit mehr als nur Gastgeber hinter dem Tisch.
Sie sind Übersetzer:
- zwischen Produktion und Wahrnehmung
- zwischen Technik und Geschmack
- zwischen Theorie und Erlebnis
Plötzlich ist ein Whisky nicht mehr nur:
„Sherryfass, 46 %, fruchtig“
Sondern:
eine Entscheidungskette.
ein Stilmittel.
ein Ergebnis aus vielen kleinen Parametern.
Und genau deshalb funktionieren solche Abende so gut.
Der Einstieg – warum Portwein der bessere Anfang ist
Whisky ist Gewohnheit.
Man weiß, was kommt.
Man kennt die Struktur.
Man erkennt Muster.
Und genau deshalb ist es manchmal sinnvoll, bewusst nicht mit Whisky zu starten.
Der Einstieg bei Ramos Pinto war genau das:
Ein Perspektivwechsel.
Portwein – unterschätzt, missverstanden, faszinierend
Portwein wird oft reduziert auf:
„süß, schwer, Dessert“
Die Realität ist deutlich komplexer.
Herkunft:
Douro-Tal in Portugal – eine der ältesten geschützten Weinregionen der Welt.
Herstellung:
Die Gärung wird durch Zugabe von Alkohol gestoppt.
- Restzucker bleibt erhalten
- Alkohol steigt
- Aromen werden konserviert
Reifungsstile:
- Ruby – fruchtbetont, kürzer gereift
- Tawny – oxidativ gereift, nussig, komplex
- Vintage – jahrgangsrein, langlebig
Die Altersangaben (10, 20, 30 Jahre) sind dabei keine festen Jahrgänge, sondern Durchschnittswerte.
Ein 20-jähriger Port kann also durchaus Bestandteile enthalten, die deutlich älter sind, hier sogar aus dem letzten Jahrhundert.
Und genau da wird es spannend:
Zeit ist hier kein linearer Faktor.
Sondern ein Werkzeug.
Mehr über Portwein erfahrt ihr in meinem Artikel über den Besuch in Porto.
Ramos Pinto – Tradition mit Charakter
Ramos Pinto gehört zu den traditionsreichen Häusern im Douro und steht für einen Stil, der oft etwas strukturierter und präziser wirkt als viele klassische Vertreter.
Im Tasting wurde das sehr deutlich:
- saubere Frucht
- klare Oxidationsnoten
- kontrollierte Süße
Und dann dieser Moment, wenn man hört, dass ein Blend möglicherweise Anteile enthält, die weit über die deklarierte Altersangabe hinausgehen.
Da wird einem klar:
Zeit im Fass ist nicht linear.
Und Reifung ist kein einfacher Prozess.
Kavalan – Beschleunigung als Stilmittel
Wenn es eine Destillerie gibt, die zeigt, wie unterschiedlich Whisky entstehen kann, dann ist es Kavalan.
Tropisches Klima bedeutet:
- höhere Interaktion zwischen Holz und Destillat
- schnellere Reifung
- intensivere Extraktion
Das Ergebnis ist nicht „schneller Whisky“.
Das Ergebnis ist ein anderer Whisky.
Der 15-jährige hat das ziemlich eindrucksvoll gezeigt:
- dicht
- konzentriert
- fast schon viskos im Mundgefühl
Und das bei 43 %.
Das ist genau der Punkt, an dem man merkt:
Alkoholstärke ist nicht gleich Intensität.
Der neue Peatist fügt dem Ganzen eine spannende Dimension hinzu.
Leicht getorft, bewusst nicht überladen – eher ein strukturelles Element als ein dominanter Stil.
Und ja:
Bourbon schlägt Sherry.
Weil Klarheit manchmal mehr überzeugt als Komplexität.
Lambay – Irland mit französischem Akzent
Lambay Whiskey ist einer dieser Whiskys, die man schnell unterschätzt.
Cognac-Finish klingt erstmal wie ein Marketingargument.
Ist es oft auch.
Hier aber funktioniert es.
Warum?
Weil es nicht überdeckt, sondern ergänzt.
Der 20-jährige:
- weich
- rund
- elegant
Aber nicht langweilig.
Das ist kein Whisky, der dich fordert.
Das ist einer, der dich einlädt.
Und genau das macht ihn gefährlich gut.
Filey Bay & JOHNETT – wenn Whisky neu gedacht wird
Whisky ist Tradition.
Aber Whisky ist auch Bewegung.
Filey Bay steht für genau diesen modernen Ansatz:
- eigene Gerste
- kurze Wege
- klare Produktionsphilosophie
Das Ergebnis ist kein „englischer Scotch“.
Es ist ein eigenständiger Stil.
Ähnlich spannend – aber komplett anders gedacht:
JOHNETT by Etter
Hier wird Whisky nicht kopiert – hier wird er interpretiert.
Schweizer Rohstoffe.
Weinfassprägung.
Präzision in der Herstellung.
Das ist kein Versuch, Schottland nachzubauen.
Das ist ein Versuch, Whisky neu zu denken.
Und das gelingt überraschend gut.
Mac-Talla vs. Càrn Mòr – zwei Philosophien
Jetzt wird es interessant.
Denn Morrison Scotch Whisky Distillers bringt mit Mac-Talla und Càrn Mòr zwei Linien, die auf den ersten Blick ähnlich wirken – es aber nicht sind.
Mac-Talla – das Echo Islays
Mac-Talla bedeutet „Echo“.
Und genau das ist die Idee:
Nicht eine Destillerie zu zeigen, sondern Islay als Ganzes.
Die Whiskys:
- stammen aus nicht genannten Destillerien
- sind stilistisch klar Islay
- fokussieren sich auf Rauch, Meer, Torf
Die Range (Terra, Mara, Strata) spiegelt unterschiedliche Facetten der Insel wider – von erdig-rauchig bis maritim-salzig.
Wichtig:
Das ist keine Mystery-Spielerei.
Das ist bewusstes Design.
Mac-Talla ist keine Herkunftsangabe.
Mac-Talla ist ein Stil.
Càrn Mòr – das Gegenteil
Und dann gibt es Càrn Mòr.
Hier geht es nicht um Stil.
Hier geht es um Auswahl.
- Einzelfässer
- spezifische Destillate
- klare Fassführung
- Fokus auf Individualität
Wenn Mac-Talla ein Konzept ist,
ist Càrn Mòr eine Kuratierung.
Oder anders gesagt:
Mac-Talla = „So schmeckt Islay.“
Càrn Mòr = „So schmeckt genau dieses Fass.“
Der Moment der Ruhe – Glen Keith 1993
Dieser eine Dram, der alles kurz ausbremst.
Glen Keith 1993 32 Year Old Càrn Mòr
32 Jahre!
Bourbon Cask.
Keine Show.
Und genau deshalb so gut.
Das ist Whisky, der nichts beweisen muss:
- Süße ohne Kitsch
- Würze ohne Härte
- Holz ohne Dominanz
Ein Whisky, der nicht laut ist.
Aber präsent.
Und vielleicht genau deshalb so nachhaltig wirkt.
Aberargie – wenn Geduld Teil des Konzepts ist
Und dann gab es da noch einen dieser Momente, die man fast übersehen könnte – wenn man nicht kurz stehen bleibt.
Die Premiere des Aberargie Single Malt Scotch Whisky.
Eine Destillerie, die sich bewusst Zeit genommen hat.
Keine schnellen Releases. Kein „wir zeigen schon mal, was geht“.
Sondern: warten, beobachten, entwickeln.
Gegründet 2017 von der Morrison-Familie – einer der prägendsten Whisky-Dynastien Schottlands – ist Aberargie so etwas wie die Rückkehr zum Ursprung.
Nicht als Nostalgieprojekt, sondern als bewusster Neuanfang.
Das Konzept dahinter ist ebenso konsequent wie selten:
- Barley-to-Bottle – vom eigenen Feld bis in die Flasche
- Gerste aus eigenem Anbau (Golden Promise & Laureate)
- Destillation, Reifung und Abfüllung komplett vor Ort
Ein Ansatz, der in dieser Konsequenz fast schon wieder radikal wirkt.
Im Glas zeigte sich dann genau das, was man sich nach dieser langen Wartezeit erhofft:
Ein Whisky, der deutlich älter wirkt, als er eigentlich ist.
Irgendwo im Bereich von sieben bis acht Jahren – aber mit einer Reife, die man eher aus deutlich höheren Altersstufen kennt.
Das liegt nicht zuletzt an der Fasskomposition:
- First-Fill-Bourbon-Casks → Struktur, Klarheit, Getreide
- First-Fill-Sherry-Casks → Tiefe, Frucht, dunkle Süße
Und genau diese Aufteilung konnte man hier wunderbar nachvollziehen – denn neben der eigentlichen Abfüllung standen auch die beiden Komponenten separat im Glas.
Ein seltener, fast schon lehrbuchartiger Moment:
Der Bourbon-Anteil bringt die landwirtschaftliche Seite nach vorne – frische Gerste, Vanille, Struktur.
Der Sherry-Anteil liefert die Tiefe – rote Früchte, Sultaninen, dunklere, reifere Noten.
Und die finale Abfüllung?
Verbindet beides zu etwas, das erstaunlich rund wirkt.
Komplex, aber zugänglich.
Reif, aber nicht schwer.
Aromen von Bratapfel, Gebäck, getrockneten Früchten und eine feine, fast kräuterige Note im Finish – alles sehr sauber, sehr kontrolliert, sehr bewusst gesetzt.
Das vielleicht Beeindruckendste daran ist aber etwas anderes:
Dieser Whisky wirkt nicht wie ein Versprechen.
Er wirkt wie ein Statement.
Kein „zeigt Potenzial“.
Sondern: ist schon da.
Und genau das macht diese Premiere so besonders.
Ein Debüt, das nicht laut ist –
aber sehr klar zeigt, wohin die Reise geht.
Finch – deutsche Eigenständigkeit
Ein kurzer Blick nach Deutschland:
finch Whiskydestillerie
Und auch hier gilt:
Nicht kopieren. Eigenständig sein.
Teilweise ungewöhnliche Aromatik.
Teilweise überraschende Struktur.
Aber immer klar:
Das ist kein Versuch, Schottland zu sein.
Das ist etwas Eigenes. Und hier bekommt man mittlerweile richtig alten deutschen Whisky.
Cognac, Cocktails und Kontrollverlust
Zwischendurch ein kurzer Abstecher zum Camus Cognac.
Und ja:
Cognac kann mehr als „weich“.
Und dann noch die Continental Sour Bar –
ein schöner Reminder, dass Whisky nicht nur pur existiert.
Und irgendwann passiert es dann doch.
Man ist durch.
Man will gehen.
Und dann:
„Einen noch.“
Fazit – warum man wiederkommt
Am Ende bleibt nicht der beste Whisky.
Sondern:
- die Gespräche
- die Begegnungen
- die kleinen Entdeckungen
Und dieses Gefühl,
dass man Teil von etwas ist.
Nicht groß.
Nicht laut.
Aber genau richtig.
Und nächstes Jahr?
Und wir versuchen es nochmal:
weniger trinken.
Wirklich. Vielleicht.












