Mit dieser Frage beginnt Folge 31 von Double Cask. Phil braucht nicht lange:
Wenn der erste zehnjährige Whisky auf den Markt kommt, dann könne man die Brennerei wohl langsam als etabliert bezeichnen.
Treffer.
Denn ziemlich genau diese Antwort hatte zuvor auch die KI vorgeschlagen.
Phils Reaktion darauf:
„Hagen, du brauchst keine KI. Frag mich.“
Damit wäre eigentlich schon ziemlich gut beschrieben, wie diese Folge funktioniert.
Hinter der zunächst beiläufigen Frage steckt nämlich ein Thema, das gerade jetzt erstaunlich spannend wird: Die große Generation der schottischen Newcomer aus den 2010er-Jahren wird erwachsen. Glasgow, Ardnamurchan, Nc’nean, Torabhaig und einige andere waren gefühlt eben noch „die neuen Destillerien“. Inzwischen erscheinen die ersten Zehnjährigen.
Und das ausgerechnet in einer Phase, in der sich der Whisky-Markt deutlich abgekühlt hat.
2025 sank der Wert der weltweiten Scotch-Exporte um 1,8 Prozent, das Volumen sogar um 4,3 Prozent. Bei Single Malt ging der Exportwert um sechs Prozent zurück. Gleichzeitig sind Produktionsdrosselungen und ein stärkeres Bestandsmanagement bei etablierten Herstellern längst Realität.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Wer macht interessanten neuen Whisky?
Sondern auch:
Wer schafft den Schritt vom spannenden Newcomer zur dauerhaft relevanten Destillerie?
Genau daraus soll bei Double Cask künftig in unregelmäßigen Abständen eine kleine Rubrik entstehen:
Was machen eigentlich die Neuen?
Denn vermutlich geht es vielen Whiskyfreunden ähnlich wie uns. Das Inaugural Release wurde neugierig probiert, vielleicht noch zwei weitere junge Abfüllungen – und dann kamen zwanzig andere Brennereien dazwischen.
Fünf Jahre später stellt man plötzlich fest:
Moment mal. Die sind inzwischen gar nicht mehr so neu.
Bevor wir anfangen: Abends saufen, morgens laufen
Ganz ohne Umwege wäre es allerdings kein Double Cask.
Bevor wir Schottlands Nachwuchs sortieren, geht es deshalb noch einmal kurz ins Brühler Whiskyhaus zum Tasteful Eight.
Das diesjährige Thema „World of Casks“ gefiel besonders gut, weil diesmal nicht nur eine schöne Geschichte um acht Flaschen gebaut wurde, sondern das Thema unmittelbar im Whisky steckte: unterschiedliche Fassarten, unterschiedliche Einflüsse, unterschiedliche Diskussionen.
Vom Metfass über Vermouth und sehr alte Sherryfässer bis zum klassischen Bourbonfass war einiges dabei.
Und damit acht Whiskys plus Menü nicht die sportliche Jahresplanung gefährden, wurde auch gleich die passende Trainingsphilosophie formuliert:
„Abends saufen, morgens laufen.“
Hybrid-Athlet nennt man das offenbar.
Besonders spannend war ausgerechnet der Kontrast zwischen Experiment und Klassik. Ein Whisky aus einem Metfass war süß, ungewöhnlich und unterhaltsam.
Met – oder Mead – ist ein vergorenes Getränk auf Basis von Honig und Wasser. Entsprechend lag die Vermutung nahe, dass ein solches Fass eine kräftige Honigsüße mitbringen würde. Tatsächlich war der Whisky angenehm süffig und süß, ohne in Richtung Honiglikör abzudriften.
Ein 26 Jahre alter Littlemill aus dem Bourbonfass dagegen war im besten Sinne erstaunlich normal – und gerade deshalb einer der Favoriten.
Manchmal braucht ein guter Whisky eben keine Zirkusnummer.
Und weil beim Tasteful Eight offenbar auch mathematische Konsequenz gepflegt wird, gab es dieses Jahr natürlich neun Whiskys.
Es waren nach der Kalkulation noch ein paar Euro übrig.
Eine Argumentation, gegen die vernünftige Menschen wenig einwenden können.
Dazu kam noch eine Begegnung mit einem Podcast-Hörer.
„Ich höre euren Podcast.“
Antwort:
„Ach, du bist das!“
Damit wäre zumindest ein Hörer statistisch zweifelsfrei nachgewiesen.
Ein London-Wochenende mit großen Pint-Gläsern, Pubkultur und Bon Jovi im Wembley Stadium führt anschließend noch zur Frage, ob Phil auf der Whisky & Genuss in Dresden einen eigenen Merch-Stand samt Autogrammkarten eröffnet und möglicherweise der John Bon Jovi von Chemnitz ist.
Er möchte offenbar lieber einfach Whisky trinken.
Auch vernünftig.
Und damit schaffen wir es nach einer für Double-Cask-Verhältnisse geradezu atemberaubend kurzen Einleitung tatsächlich zum Thema.
Generation eins: Aus den Neuen werden Etablierte
Die erste Gruppe ist vielleicht die interessanteste.
Das sind Destillerien, die wir noch immer reflexartig als „neu“ bezeichnen, obwohl sie längst acht, neun, zehn oder mehr Jahre produzieren.
Glasgow 1770: Plötzlich zehn Jahre alt
Auslöser für die ganze Idee war die Glasgow Distillery.
2015 wurde dort das erste Fass Single Malt gefüllt. 2025 erschien tatsächlich der erste zehnjährige Glasgow 1770: ein einzelnes Refill-Bourbonfass mit 54 Prozent und lediglich 230 Flaschen.
Inzwischen ist die Geschichte schon wieder weitergegangen. Im September 2026 erschien sogar der erste zehnjährige rauchige Glasgow 1770.
Genau das zeigt das Problem unserer Wahrnehmung ziemlich schön.
Im Kopf ist Glasgow noch immer „eine von diesen neuen Destillerien“.
In der Realität veröffentlicht sie inzwischen zehnjährigen Whisky.
Die frühen Single Casks hatten wir positiv abgespeichert: aktive Fässer, viel Experimentierfreude, dunkle Sherryabfüllungen, Cognac, Tokaji und allerlei andere Spielarten.
Umso interessanter wäre heute die Gegenprobe:
Wie schmeckt Glasgow, wenn das Fass nicht mehr hauptsächlich die Jugend überdecken muss?
Ein älterer Refill-Bourbon wäre dafür nahezu ideal.
Ardnamurchan: Das „neu“ kann man langsam streichen
Noch deutlicher wird es bei Ardnamurchan.
Die Produktion begann 2014. Zum zehnjährigen Jubiläum konnte die Destillerie entsprechend erstmals Whisky aus den frühen Produktionsjahren mit zweistelliger Altersangabe präsentieren.
Und Ardnamurchan hat etwas geschafft, das für junge Brennereien entscheidend ist:
Die Marke wird nicht mehr nur wegen ihrer Geschichte verfolgt, sondern wegen ihres Whiskys.
Gerade unter erfahrenen Whiskytrinkern wird viel über Ardnamurchan gesprochen. Die Whiskys sind häufig etwas kerniger, nicht übermäßig glatt und reichen von unpeated über rauchig bis zu unterschiedlichsten Fassreifungen.
Vielleicht ist das sogar eine bessere Definition von „etabliert“ als unsere Zehn-Jahres-Regel:
Wenn niemand mehr fragt, ob die neue Destillerie etwas taugt, sondern nur noch, welche ihrer Abfüllungen man probieren sollte.
Nc’nean: Nachhaltigkeit als Konzept – nicht als Beipackzettel
Nc’nean steht für eine andere Seite dieser neuen Whisky-Generation.
Bio-Gerste, erneuerbare Energie, Recycling und ein konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Produktionskonzept gehören von Beginn an zur Identität der Destillerie.
Das ist interessant.
Aber Whisky wird nicht automatisch gut, weil die Umweltbilanz stimmt.
Entscheidend ist also wieder das Glas.
Und die ersten Nc’neans hatten wir durchaus positiv abgespeichert: frisch, hell, fruchtig, sommerlich und jung – aber ohne jene rohe New-Make-Anmutung, die bei manchen Dreijährigen alles andere überlagert.
Seitdem haben wir Nc’nean allerdings etwas aus den Augen verloren.
Perfekt also für diese Rubrik.
Denn genau darum soll es künftig gehen: nicht noch einmal erklären, wann eine Destillerie gegründet wurde, sondern nach einigen Jahren zurückkehren und fragen:
Was ist eigentlich daraus geworden?
Torabhaig: Unsere offene Rechnung auf Skye
Bei Torabhaig wird es persönlicher.
Die zweite Single-Malt-Destillerie auf Skye produziert seit 2017. Ihre Legacy Series soll bewusst die Entwicklung des rauchigen Hausstils dokumentieren und irgendwann beim ersten zehnjährigen Torabhaig ankommen.
Konzeptionell spannend.
Geschmacklich waren wir bislang weniger begeistert.
Vor allem einige frühe und hochprozentige Abfüllungen wirkten auf uns ziemlich scharf – teilweise auch nach der Zugabe von Wasser.
Das ist ausdrücklich unser persönlicher sensorischer Eindruck und kein allgemeingültiges Qualitätsurteil.
Das frühe Release im heimischen Regal genießt deshalb allerdings ein bemerkenswert langes Leben.
Nicht unbedingt, weil es ständig nachgekauft würde.
Eher weil die Flasche noch ziemlich voll ist.
Aber genau hier wird die Idee dieser Rubrik interessant. Einen Whiskyproduzenten auf Grundlage seines ersten drei- oder vierjährigen Whiskys für alle Zeiten abzuschreiben, wäre ziemlich unfair.
Torabhaig bekommt also eine zweite Chance.
Und wenn der aktuelle Whisky uns völlig überzeugt, schreiben wir das genauso.
Wir sind schließlich nachtragend, aber lernfähig.
Generation zwei: Jetzt müssen sie zeigen, wer sie eigentlich sind
Dann kommt jene Gruppe, bei der die ersten Whiskys längst draußen sind, der endgültige Hausstil aber noch entsteht.
Hierzu gehören unter anderem Lochlea, Ardnahoe, Holyrood und Bonnington.
Das ist vielleicht die spannendste Phase im Leben einer Destillerie.
Die reine Neuheit reicht langsam nicht mehr. Gleichzeitig sind die Bestände noch zu jung, um sich einfach auf Alter zu verlassen.
Jetzt muss Charakter entstehen.
Ardnahoe: Islay hilft – aber Islay reicht nicht
Bei Ardnahoe begann die Destillation 2018. Hinter der Destillerie steht die Familie Laing mit jahrzehntelanger Erfahrung im Whiskygeschäft.
2024 erschien das Inaugural Release: fünf Jahre alt, gereift in Ex-Bourbon- und Oloroso-Sherryfässern und mit 50 Prozent abgefüllt.
Technisch geht Ardnahoe durchaus klassische Wege. Oregon-Pine-Washbacks, lange Fermentation, ungewöhnlich lange Lyne Arms und Worm Tubs gehören zum Produktionskonzept.
Dazu kommt Torfrauch.
Und Rauch kann jungen Whisky sensorisch etwas dankbarer machen. Er gibt früh Charakter und kann manche jugendliche Spitze weniger dominant erscheinen lassen.
Aber irgendwann kommt auch bei Ardnahoe die entscheidende Frage:
Schmeckt man Islay – oder schmeckt man Ardnahoe?
Denn langfristig reicht „neue Islay-Destillerie“ als Identität nicht.
Irgendwann muss der eigene Name genügen.
Generation drei: Und die nächsten stehen schon vor der Tür
Während wir darüber diskutieren, ob Glasgow überhaupt noch neu ist, wird bereits wieder gebaut und frisch produziert.
Ardgowan füllte 2025 sein erstes eigenes Fass.
Die Port of Leith Distillery produziert seit 2024 in ihrem spektakulären vertikalen Gebäude direkt am Hafen von Edinburgh.
Mit Struie entsteht das große neue Projekt der Thompson Brothers, die bislang in Dornoch in vergleichsweise kleinem Maßstab destilliert haben.
Dazu kommen weitere Neubauten und Wiederbelebungen historischer Namen.
Und das alles in einem Markt, der heute wesentlich anspruchsvoller ist als zu dem Zeitpunkt, an dem manche dieser Projekte geplant wurden.
Das macht diese dritte Generation besonders spannend.
Nicht nur sensorisch.
Auch wirtschaftlich.
Das eigentliche Problem einer neuen Destillerie: Zeit
Whisky hat ein ziemlich unpraktisches Geschäftsmodell.
Man investiert heute.
Produziert morgen.
Und verkauft das Produkt, das man eigentlich herstellen möchte, möglicherweise erst viele Jahre später.
Mindestens drei Jahre muss der Spirit in Schottland im Eichenfass reifen, bevor er überhaupt Scotch Whisky heißen darf.
Aber kaum jemand gründet eine Destillerie mit dem großen Traum:
„In drei Jahren bringen wir einen Dreijährigen.“
Eigentlich möchte man fünf-, acht-, zehn- oder zwölfjährigen Whisky anbieten.
Währenddessen laufen allerdings Löhne, Energie, Rohstoffe, Finanzierung und Lagerkosten weiter.
Und dann war da dieser außergewöhnliche Whiskyboom.
Junge Releases wurden gekauft. Limitierte Abfüllungen verschwanden schnell aus den Shops. Inaugural Releases besaßen allein durch ihre Existenz Sammlerwert.
Unsere These in der Folge: Manche Destillerie hätte ihren ersten sehr jungen Whisky unter normalen Marktbedingungen womöglich später veröffentlicht.
Damals war die Versuchung groß.
Heute ist das Umfeld anders.
Und damit wird aus einer romantischen Whiskyfrage ziemlich schnell eine betriebswirtschaftliche:
Wer finanziert die Jahre bis zum wirklich reifen Whisky?
Gute Story verkauft die erste Flasche. Guter Whisky die zweite.
Natürlich braucht eine junge Destillerie mehr als Flüssigkeit.
Ein interessanter Standort hilft.
Nachhaltigkeit hilft.
Gutes Design hilft.
Tourismus hilft enorm.
Wer einmal durch eine Brennerei gelaufen ist, die Washbacks gesehen, den New Make probiert und mit den Menschen gesprochen hat, besitzt anschließend eine andere Beziehung zu dieser Marke.
Traditionsdestillerien haben diesen emotionalen Vorschuss teilweise über Generationen aufgebaut.
Newcomer müssen ihn sich erarbeiten.
Aber am Ende kommen wir immer wieder bei einem ziemlich einfachen Punkt heraus:
Der Whisky muss schmecken.
Die beste Geschichte der Welt kann einen ersten Kauf auslösen.
Sie kann aber nicht dauerhaft erklären, warum man eine mittelmäßige zweite Flasche kaufen soll.
Und damit kommen wir zu unserem praktischen Versuch.
Endlich Whisky – wir sind schließlich nicht im Reformhaus
Nach deutlich mehr als einer Stunde passiert in Folge 31 etwas Außergewöhnliches:
Bis dahin hauptsächlich Wasser zu konsumieren, wird irgendwann als unhaltbar erkannt.
„Das ist ein Whisky-Podcast und wir sind nicht im Reformhaus hier.“
Auf dem Tisch stehen drei Lochlea Single Casks.
Phil hatte die Flaschen bei einer Auktion entdeckt. Alle drei sind Originalabfüllungen für unterschiedliche Händler und auf dem Papier erstaunlich ähnlich.
| Abfüllung | Destilliert / abgefüllt | Fass | Alkohol |
|---|---|---|---|
| Master of Malt | 28.03.2019 – 07.03.2023 | First Fill Bourbon | 60,2 % |
| Charles Hofer, Schweiz | 03.10.2018 – 10.08.2023 | First Fill Bourbon | 60,8 % |
| Beija Flor, Italien | 04.11.2019 – 23.10.2023 | Ex-Bourbon | 60,9 % |
Alle jung.
Alle Lochlea.
Alle Bourbon.
Alle ungefähr 60 Prozent.
Die perfekte kleine Versuchsanordnung.
Denn wenn wir wissen wollen, wie stark bei jungem Whisky der Destilleriecharakter und wie stark das einzelne Fass bestimmt, was im Glas passiert, kann man die Bedingungen kaum viel enger zusammenbringen.
Und ausgerechnet diese drei vermeintlichen Geschwister entwickeln sich völlig unterschiedlich.
Lochlea I – Master of Malt: Jugend mit Dosenbirne
Der erste Whisky ist noch keine vier Jahre alt.
In der Nase kommen helle Früchte, grüne Weintrauben, Zuckerwatte und vor allem Birne.
Nicht irgendeine Birne.
Dosenbirne mit Vanillesoße.
Das klingt kulinarisch möglicherweise weniger mondän als „Williamsbirne an Madagaskar-Vanille“. Es beschreibt den Geruch aber ziemlich gut.
Am Gaumen folgen knackiger Apfel, etwas Bitterkeit, Getreide und weiterhin diese helle, jugendliche Süße.
Dabei zeigt er durchaus seine 60,2 Prozent.
Jugend lässt sich eben nicht komplett wegdiskutieren.
Mit Wasser wird er cremiger, zugänglicher und interessanter. Erdige, grasige und leicht moosige Töne tauchen auf, gleichzeitig wird das Fass deutlicher.
Das ist für einen Whisky von knapp vier Jahren durchaus respektabel. Er besitzt mehr zu erzählen als nur „Malz, Vanille, Zitrone, fertig“.
Die Jugend bleibt trotzdem spürbar.
Interessant zu probieren?
Definitiv.
Eine weitere Flasche kaufen?
Eher nicht.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Lochlea II – Charles Hofer: Der Klassiker
Whisky zwei ist fast ein Jahr älter.
Und bereits die Nase wirkt, als hätte jemand das Versuchslabor gewechselt.
Hier kommen die klassischen Bourbonfass-Aromen wesentlich klarer: Vanille, Honig, Zitrus und frisches Holz.
Phil entdeckt zusätzlich eine leicht klebrige chemische Note in Richtung Klebstoff beziehungsweise später Rasierschaum.
Wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich nicht wissen, auf welcher empirischen Basis dieser Aromenspeicher aufgebaut wurde.
Am Gaumen wird der Whisky klassischer. Süßes Holz, viel Bourbonfass, ein langer, fast harziger Nachhall.
Nicht wahnsinnig komplex.
Aber stimmig.
Mit Wasser wird er nochmals zugänglicher.
Für Hagen ist das am Ende der Sieger des Tastings.
Und damit kommen wir zu einer grundsätzlichen Frage.
Muss Single Cask eigentlich immer möglichst stark sein?
60,2 Prozent.
60,8 Prozent.
60,9 Prozent.
Als Whisky-Nerd findet man solche Zahlen zunächst natürlich großartig.
Fassstärke!
Unverfälscht!
Direkt aus dem Cask!
Aber wann nimmt man sich zu Hause tatsächlich eine Flasche mit 61 Prozent aus dem Regal, weil man einfach nur entspannt einen Whisky trinken möchte?
Unsere erste spontane Anwendungsmöglichkeit:
Bei Zahnfleischentzündung.
Dahinter steckt allerdings eine durchaus ernsthafte Frage.
Ist Fassstärke automatisch ein Qualitätsmerkmal?
Oder ist es manchmal schlicht die maximal unveränderte Form eines Whiskys, obwohl dieser bei 55 oder 57 Prozent vielleicht harmonischer wäre?
Wir mögen Single Casks gerade deshalb, weil sie ein Fass so zeigen, wie es ist.
Aber Authentizität und Trinkbarkeit sind nicht dasselbe.
Gerade beim zweiten Lochlea entsteht deshalb der Gedanke: Ein paar Prozent weniger – und möglicherweise einige zusätzliche Flaschen aus dem Fass – hätten dem Whisky nicht zwingend geschadet.
Andererseits lässt sich Fassstärke individuell einstellen.
Womit wir bei einem weiteren privaten Qualitätskriterium landen:
Verträgt der Whisky Wasser?
Wenn einige Tropfen neue Aromen freilegen und den Alkohol besser integrieren, ist das für uns ein gutes Zeichen.
Manche Fassstärken brechen dagegen regelrecht auseinander.
Und natürlich gilt:
Ein Whisky muss Wasser nicht vertragen, um gut zu sein.
Denn, wie in der Folge festgestellt wird, gibt es schließlich auch Menschen, die keinen Alkohol vertragen. Die sind deswegen ebenfalls nicht automatisch schlechte Menschen.
Phil widerspricht.
Wir lassen das philosophisch an dieser Stelle offen.
Lochlea III – Beija Flor: Sahne Muh-Muhs aus dem Bourbonfass
Nummer drei kommt aus Italien.
Und wieder glaubt man kaum, dass es sich um dieselbe Brennerei, ein ähnliches Alter und erneut um Bourbonfassreifung handelt.
Die Nase ist deutlich karamelliger. Vanille kommt hinzu – und ziemlich schnell entsteht eine Assoziation mit einem Klassiker aus dem Süßwarenregal:
Sahne Muh-Muhs.
Diese weichen Karamellbonbons mit ihrer milchig-sahnigen Süße treffen das Profil erstaunlich gut.
Im Geschmack folgen grasigere und erdigere Noten. Dazu gelb-orange Früchte, irgendwo zwischen Aprikose, Pfirsich und Mirabelle.
Mit Wasser wird vor allem das Karamell stärker.
Phil landet schließlich noch bei Werther’s Original.
Offenbar handelt es sich um einen Whisky, der geschmacklich ausgesprochen zielstrebig in Richtung Bonbontüte arbeitet.
Interessanterweise wirkt dieser Lochlea aromatisch teilweise reifer als die beiden anderen – obwohl er der jüngste des Trios ist.
Für Phil ist Nummer drei deshalb der Sieger.
Für Hagen bleibt es Nummer zwei.
Nur bei Nummer eins sind wir uns einig.
Und auch das gehört zu Whisky.
Drei Geschwister, die kaum miteinander verwandt wirken
Das kleine Lochlea-Experiment ist damit eigentlich der stärkste praktische Beleg für das Thema der ganzen Folge.
Drei Whiskys mit beinahe denselben Rahmendaten können vollkommen unterschiedlich auftreten.
„Bourbon Cask“ ist eben keine Geschmacksbeschreibung.
Welcher Bourbon lag zuvor darin? Wie aktiv war das Fass? First Fill oder Refill? Wie stark war das Charring? Wo stand es im Lagerhaus? Wie entwickelte sich genau dieses Fass?
Und darüber liegt immer noch der Spirit der Destillerie.
Gerade bei jungen Brennereien wird deshalb die Frage spannend:
Was davon ist Fass – und was ist schon echter Hausstil?
Lochlea ist inzwischen längst weiter als diese frühen Single Casks vermuten lassen. Mittlerweile gibt es eine feste Core Range und auch Whiskys mit Altersangabe.
Genau solche Entwicklungen wollen wir künftig verfolgen.
Nicht nur das Inaugural Release probieren.
Sondern einige Jahre später wiederkommen.
Und nach drei Fassstärken wird die Sensorik zunehmend sozialwissenschaftlich
Natürlich hat unser Versuch einen kleinen methodischen Nachteil.
Drei Samples um 60 Prozent bleiben drei Samples um 60 Prozent.
Irgendwann stellt der Körper fest, dass ihm weniger an wissenschaftlicher Vergleichbarkeit als an Wasser gelegen wäre.
Zumal vorher noch 35 Minuten Rudergerät absolviert wurden.
Der Organismus erwartet Elektrolyte.
Er bekommt Lochlea Cask Strength.
Sportwissenschaftlich vermutlich ausbaufähig.
Das erklärt vielleicht auch, warum die Folge am Ende deutlich länger wird als geplant.
Aber immerhin tritt genau das ein, worauf Phil beim Kauf der Flaschen gehofft hatte:
Die drei fast identischen Whiskys schmecken völlig verschieden.
Experiment geglückt.
Versuchsleiter leicht angeschlagen.
Was entscheidet also darüber, wer bleibt?
Am Ende kommen wir wieder zur Ausgangsfrage.
Viele neue Destillerien besitzen heute hervorragende Anlagen.
Sie haben kompetente Menschen.
Gute Fässer.
Spannende Geschichten.
Nachhaltigkeitskonzepte.
Schöne Flaschen.
Instagram.
Visitor Centres.
Und manchmal einen Ort, der schon durch seinen Namen Whisky verkauft.
Islay ist nun einmal Islay.
Campbeltown ist Campbeltown.
Eine neue Brennerei irgendwo abseits der bekannten Routen muss diesen Vorschuss erst einmal ersetzen.
Durch Qualität, Persönlichkeit und Präsenz.
Tourismus kann dabei enorm helfen. Wer eine Destillerie besucht, die Menschen dahinter kennenlernt und dort einen Whisky probiert, baut eine Bindung auf, die kein Etikett alleine herstellen kann.
Trotzdem bleibt am Ende eine erstaunlich einfache Hierarchie:
Eine Geschichte bringt Aufmerksamkeit.
Marketing bringt vielleicht den ersten Kauf.
Der Whisky entscheidet über den zweiten.
Wann ist eine neue Destillerie nun nicht mehr neu?
Bleibt also die Frage vom Anfang.
Sind es zehn Jahre?
Vielleicht.
Ein Zehnjähriger ist zumindest eine schöne symbolische Schwelle.
Aber nach dieser Folge würden wir die Antwort etwas anders formulieren:
Eine neue Destillerie ist vielleicht dann nicht mehr neu, wenn wir aufhören, ihr Jugend zugutezuhalten.
Wenn wir nicht mehr sagen:
„Dafür, dass der erst vier Jahre alt ist, ist der richtig gut.“
Sondern einfach:
„Das ist ein richtig guter Whisky.“
Ardnamurchan scheint diese Schwelle bereits weitgehend überschritten zu haben.
Glasgow nähert sich ihr mit immer älteren Abfüllungen.
Nc’nean, Torabhaig, Lochlea und Ardnahoe gehen jeweils ihren eigenen Weg.
Und hinter ihnen steht bereits die nächste Generation.
Genug Stoff also für weitere Folgen von:
„Was machen eigentlich die Neuen?“
Wir werden wieder probieren.
Wir werden unsere alten Urteile überprüfen.
Wir werden vermutlich gelegentlich feststellen, dass wir uns geirrt haben.
Und wahrscheinlich werden wir auch wieder behaupten, nur einen kurzen Podcast aufnehmen zu wollen.
Bis dahin gilt wie immer:
Es ist ein langer Weg zum Whisky-Experten – aber eine schöne Zeit bis dahin.
Slàinte!
Wo kann man reinhören?
Na überall, wo’s Podcasts gibt. Folge 31: Was machen eigentlich die neuen? Lochlea, Ardnahoe, Bonnington und Co.
Hier gibt’s direkt eine Übersicht:
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Also: Glas schnappen, etwas Feines einschenken und mit uns die alten Neuen entdecken.







