40 Jahre Whisky. Da darf man schon einmal ein wenig ehrfürchtig werden. Vor allem, wenn der Whisky 1980 destilliert wurde – in meinem Geburtsjahr. Damit haben wir beide inzwischen ein Alter erreicht, in dem man langsam Charakter haben sollte.
Beim Spica 1980 von North Star Spirits kommt noch etwas hinzu, das die Sache besonders spannend macht: Wir haben keinen Single Malt im Glas, sondern einen 40 Jahre alten Blended Scotch Whisky.
Und nein: „Blend“ muss ganz offensichtlich überhaupt nichts Schlechtes sein.
Gerade Grain Whisky kann mit richtig viel Zeit im Fass enorm spannend werden. Wo junge Grains schnell etwas eindimensional süß oder sprittig wirken können, entwickeln alte Vertreter oft eine herrlich cremige Getreidesüße, Vanille, Wachs und erstaunlich viel Eleganz.
Genau in diese Richtung geht auch der Spica. Und tatsächlich wird in zeitgenössischen Berichten eine Zusammensetzung von rund 60 Prozent Grain und 40 Prozent Malt genannt. Das würde jedenfalls hervorragend zu dem passen, was später im Glas passiert.
Der Name „Spica“ stammt übrigens vom hellsten Stern im Sternbild Jungfrau. North Star Spirits brachte unter diesem Namen mehrere ältere Blends heraus; der 1980er mit seinen 40 Jahren bildete als Limited Edition No. 3 gewissermaßen den Alterspräsidenten.
Rahmendaten
Whisky: Spica 1980 – 40 Years
Abfüller: North Star Spirits
Kategorie: Blended Scotch Whisky
Jahrgang: 1980
Abgefüllt: 2020
Alter: 40 Jahre
Fässer: Sherry Butt und Bourbon Barrel / European & American Oak
Serie: Limited Edition No. 3 – Cask Series 010
Alkoholgehalt: 44,8 % Vol.
Flaschenzahl: 877
Fassstärke: Ja
Kühlfiltrierung: Nein
Färbung: Nein
Whiskybase ID: WB162038
Besonders sympathisch sind mir schon auf dem Papier die 44,8 % Vol. Nach vier Jahrzehnten Fasslagerung ist die Fassstärke ganz natürlich in einem Bereich angekommen, den ich ohnehin sehr gerne im Glas habe.
Das Fass hat das Verdünnen praktisch schon erledigt.
Auge / Anblick, Farbe
Ein hell schimmerndes Gold mit leicht rötlichem Einschlag. Nicht tiefdunkel oder mahagonifarben, wie man es bei 40 Jahren vielleicht erwarten könnte, sondern erstaunlich hell und lebendig.
Die beiden Fasswelten – Bourbon und Sherry – lassen sich zumindest optisch bereits erahnen.
Nase / Geruch, Aroma (0–10)
Was zuerst auffällt, ist eine ausgesprochen schöne Getreidigkeit.
Malz, Knuspermüsli beziehungsweise Knuspermalz und Dinkelflocken kommen mir in den Sinn. Dazu diese typische, leicht süßliche Getreidenote, die alten Grain Whisky so interessant machen kann.
Mit etwas Zeit wird die Nase cremiger: Vanillepudding, vielleicht sogar eine Spur Bayerische Creme. Dazu kommt frisches, noch nicht vollständig durchgegerbtes Leder, etwas Eichenholz und eine warme, reife Holznote.
Auch ein Hauch Honig und etwas getrocknetes Getreide beziehungsweise Heu passen gut ins Bild, ohne dass der Whisky plötzlich in eine völlig andere Aromatik abdriftet.
Was mir besonders gefällt: Trotz seiner 40 Jahre ist die Nase ausgesprochen mild und ausgewogen. Keine aggressive Eiche, kein alkoholischer Stich, kein Versuch, mit maximaler Komplexität zu beeindrucken.
Stattdessen süßes Getreide, Vanille, Leder und reife Fassnoten – sehr entspannt und sehr angenehm.
Nicht die komplexeste Nase meines Lebens. Aber eine, an der man gerne länger riecht.
Bewertung: 7,5/10 – mit Tendenz nach oben.
Mund / Geschmack, Körper, Konsistenz (0–10)
Der erste Eindruck auf der Zunge ist beinahe verblüffend sanft.
Bayerische Creme, Vanillepudding und etwas Kinderschokolade machen den Auftakt weich, cremig und süß. Die 44,8 % passen dafür wirklich hervorragend.
Dann meldet sich das Alter.
Die Eiche ist auf der Zunge deutlich präsenter als noch in der Nase. Tannine, trockenes Holz und eine feine Bitterkeit zeigen ziemlich unmissverständlich: Dieser Whisky hat tatsächlich vier Jahrzehnte hinter sich.
Dazu kommt ein knackiger roter Apfel, der dem Ganzen wieder etwas Frische gibt.
Im zweiten Schluck werden die würzigeren Seiten deutlicher. Etwas Paprikagewürz, getrocknete Kräuter und vor allem Lorbeer – genau diese leicht herbe, würzige Aromatik eines Lorbeerblatts, das lange im Rotkohl mitgezogen hat.
Und darunter bleibt immer das Getreide.
Porridge. Ungesüßter Haferbrei. Malziges Getreide. Vielleicht ein wenig Getreidespelze.
Das Sherry Butt steuert Frucht, Würze und etwas Schokolade bei, während Bourbonfass, Grain und hohes Alter die Vanille-, Getreide- und Holztöne liefern. Für mich funktioniert diese Mischung ausgesprochen gut.
Vor allem ist das ein Whisky, der nicht versucht, seine 40 Jahre hinter einer klebrigen Sherrywand zu verstecken.
Er darf alt schmecken.
Und das steht ihm.
Bewertung: 8/10
Rachen, Speiseröhre, Magen / Abgang, Nachklang (0–10)
Im Abgang verändert sich der Charakter noch einmal.
Wo der Antritt weich, cremig und vergleichsweise süß war, wird der Spica nun trockener und holziger.
Eine leichte Eichenbitterkeit bleibt zurück, dazu trockenes Getreide, Getreidespelzen und etwas Kräuterwürze.
Die 40 Jahre lassen sich hier am deutlichsten erkennen. Das Holz übernimmt zunehmend die Führung, ohne den Whisky völlig auszutrocknen.
Für mich ist der Abgang etwas schwächer als der Geschmack selbst. Nicht unangenehm, aber weniger verspielt und deutlich stärker von Eiche und Trockenheit bestimmt.
Bewertung: 7/10
Preisleistung (0–10)
Und jetzt wird es ein bisschen absurd.
Als der Spica 2020 auf den Markt kam, kostete eine Flasche ungefähr 150 Euro.
150 Euro.
Für einen 40 Jahre alten Whisky in Fassstärke, ungefärbt, nicht kühlfiltriert und auf 877 Flaschen limitiert.
Aus heutiger Sicht wirkt das fast wie ein Fehler im Shopsystem.
Für diesen damaligen Ausgabepreis gibt es von mir ohne großes Nachdenken:
Preisleistung zum Release: 10/10
Heute sieht die Sache natürlich anders aus. Sammleraufschlag, begrenzte Verfügbarkeit und das inzwischen generell deutlich höhere Preisniveau für alten Whisky verändern die Rechnung.
Auch heute ist ein 40 Jahre alter Whisky im Vergleich zu vielen gleichaltrigen Single Malts noch verhältnismäßig günstig zu bekommen. Aber das sensationelle Preis-Leistungs-Verhältnis von 2020 ist natürlich Geschichte.
Preisleistung heute: 6,5/10
Gesamtbewertung (0–10)
7,5/10
Fazit
Was für ein schönes kleines Stück Whiskygeschichte.
Ein 40 Jahre alter Blend aus meinem Geburtsjahr 1980, eine spannende Kombination aus Sherry Butt und Bourbon Barrel und dazu diese offenbar ziemlich ordentliche Portion sehr alten Grain Whiskys.
Gerade die macht für mich einen erheblichen Teil des Reizes aus.
Die Nase ist getreidig, mild und süß, mit Vanillepudding, Leder und altem Holz. Im Mund wird der Spica wunderbar cremig, bekommt mit rotem Apfel, Schokolade, Gewürzen und Kräutern aber gleichzeitig deutlich mehr Tiefe. Erst im Abgang setzen sich Alter, Tannine und trockenes Eichenholz stärker durch.
Und genau das darf ein 40-Jähriger für mich auch.
Er muss nicht schmecken wie ein 15-Jähriger, der sich besonders gut gehalten hat. Ein alter Whisky darf Eiche zeigen. Er darf trockener werden. Er darf nach vier Jahrzehnten auch einmal erzählen, dass er vier Jahrzehnte im Fass gelegen hat.
Der Spica schafft dabei für mich eine schöne Balance: alt, aber nicht tot. Holzig, aber nicht vom Fass erschlagen. Süß und cremig, ohne beliebig zu werden.
Und vor allem zeigt er wieder einmal:
Blend muss überhaupt nichts Schlechtes sein.
I
m Gegenteil. Wenn Malt und Grain 40 Jahre Zeit bekommen, miteinander alt zu werden, kann dabei etwas verdammt Charmantes herauskommen.
Und dass ich davon noch ein kleines Sample im Schrank hatte, freut mich fast genauso sehr wie die Tatsache, dass auf dem Etikett 1980 steht.
Manche Whiskys trinkt man.
Und manche trinkt man auch ein kleines bisschen aus sentimentalen Gründen.

