Mal ehrlich: Whisk(e)y hat oft den Ruf vom ernsten Herrenabend mit Ledersessel und Zigarre, inklusive Aromarad und entsprechendem Fachsimpeln…
Statt nur „neat or nothing“ schielen immer mehr Destillerien und Marken heute aber ganz bewusst auf den Mixology-Markt mit Longdrinks, Highballs, oder fertigen Cocktails aus der Dose für zuhause und unterwegs. Denn wer diesen Markt bespielt, verkauft am Ende deutlich mehr Flaschen. So zumindest die Hoffnung.
Jüngere Leute wollen nicht immer den schweren Single Malt analysieren, wenn sie überhaupt noch Alkohol trinken… Sie wollen was Frisches, Soziales, etwas das man mit Freunden teilen kann. Ob in Club, Bar, oder einfach zu Hause. Cocktails und Highballs machen Whisk(e)y zugänglicher, ohne dass man gleich ein Expertenwissen mitbringen muss. Und vielleicht läuft es ja auch so: Wer den Cocktail mag, greift später zur Flasche und taucht doch tiefer ein.
Vom steifen Dram zum flexiblen Alleskönner!
Lange Zeit lag mein Fokus klar und ungeteilt auf dem Single Malt. Pur, bei Zimmertemperatur, höchstens mit wenigen Tropfen Wasser. Cocktails und Longdrinks mit Whisk(e)y standen eigentlich nicht auf meiner Bingo-Karte. Nicht aus Prinzip, sondern weil die pure Form so viel erzählte, dass ich selten den Blick darüber hinaus geworfen habe.
Letzte Woche eröffnete in Chemnitz das Malima, Café am Tag, Bar bei Nacht. Hier bot sich für mich die Gelegenheit, Whisk(e)y aus der für mich gewohnten Umgebung zu holen und ihn in neue Zusammenhänge zu stellen.
Zwei sagen wir mal „Cocktails“, die den Abend geprägt haben:
Boston Sour
Der klassische Whiskey Sour ist bekannt. Whisk(e)y, Zitronensaft und Zuckersirup. Der Boston Sour fügt eine weitere Ebene hinzu: Eiweiß! Und plötzlich hat man diese seidige, cremige Schaumkrone, welche den Drink rund und irgendwie gefällig macht. Und mit dem Stork Club Triple Wood Rye, bzw. Rye Malt wird daraus richtig was Spannendes. Schokolade und Nüsse tanzen mit der Zitrussäure, die Roggenwürze hält den Drink spannend und der Schaum macht alles weich und einladend. Kein überladener Cocktail, eher so „cool und unkompliziert, aber mit Tiefgang“.

Penicillin
Hier wird’s interessant. Der Penicillin ist einer dieser modernen Neoclassics, die einfach funktionieren. Würzig, rauchig, süß-sauer und auf den Punkt. Mit Ballantine’s als Basis, kombiniert mit Laphroaig 10 und einem mit Thymian aromatisierten Honig. Doch warum genau diese Kombi? Der Blended Scotch bringt die weiche, runde Grundlage mit. Nicht zu dominant, aber mit genug Charakter, sodass der Drink nicht flach wirkt. Darüber der allseits bekannte Laphroaig 10. Kräftiger Torfrauch, medizinisch, jodig, genau das, was dem Cocktail seinen Namen und seinen Kick gibt. Der leichte Kräuterduft vom Thymian macht den Drink frischer und etwas grüner, ohne die Süße vom Honig zu verlieren. Thymian und Rauch verstehen sich überraschend gut! Erdige, leicht harzige Noten treffen auf den Laphroaig und sorgen für mehr Tiefe.
Was ist meine Erkenntnis?
Beide Drinks haben mir gezeigt, dass Whisk(e)y in einem Cocktail, Longdrink, oder wie auch immer gemixt nicht zwangsläufig an Komplexität verliert. Er bekommt eine andere Bühne. Die Begleiter können Facetten freilegen, die man pur manchmal überhört. Gleichzeitig bleibt der Spirit der eigentliche Protagonist, zumindest wenn die Bar weiß, was sie tut. Ali hat im Malima genau das verstanden. Hier wird nicht „Whisk(e)y irgendwie gemixt“, sondern mit Respekt und Präzision gearbeitet. Das spürt man in der Balance, in der Auswahl der Base Spirits und in der Art, wie die Drinks serviert werden.
Die Einladung dran zu bleiben…
Nach diesem Abend schaue ich ganz sicher mit anderen Augen auf die Whisky-Karte einer guten Bar. Der pure Single Malt bleibt mein Anker, daran ändert sich nichts! Aber die Möglichkeit, ihn in einem gut gebauten Cocktail oder Highball neu zu erleben, hat sich dadurch sicherlich in meinen Fokus geschoben.
Manchmal braucht es nur den richtigen Ort und zwei gut gemachte Drinks, um eine bisher unentdeckte Seite des eigenen Genusses zu öffnen.
Cheers!

