Ein echtes Blind-Tasting: Schnapsleichen, Blut und jede Menge Whisky

Wie ein Blind-Tasting zustandekommt

Der Vorsitzende unserer Fachgruppe der Medizinalfachberufe im DBSV war an mich herangetreten und hatte gefragt, ob ich nicht bereit wäre ein Whiskytasting bei einer unserer Fortbildungen zu halten. Nach kurzer Überlegung habe ich zugesagt und war mit der Organisation befasst. Und so kam es zu diesem Tasting, einem Blind-Tasting, dass den Namen auch verdient. Ein klarer Fall für Whiskygraphie.

Roter Ochse in Rhens

Unsere Fortbildungen haben wir in der bald 50-jährigen Geschichte der Rheinland-Pfälzischen Fachgruppe schon an einigen Orten, darunter Mainz, Boppard, Engers, Rengsdorf, Mündersbach oder Feilbingert, in so manchen mehr oder weniger gemütlichen und gastfreundlichen Etablissements abgehalten. Derzeit gastieren wir im Hotel Restaurant Roter Ochse in Rhens, wo uns Heike und Werner Kochhäuser mit ihrem Team optimal beherbergen und umsorgen – und das ist bei so einer Horde von sehbehinderten und blinden Menschen doch eine gar nicht so einfach zu bewältigende Aufgabe, der sie da mehr als gerecht werden.

Der Gewölbekeller

Gewölbekeller

Gewölbekeller Roter Ochse Rhens

 

Werner hatte uns den Gewölbekeller im Gästehaus überlassen, eine nahezu perfekte Location für ein Whiskytasting. Der Whiskygraph Christian wohnt nicht weit entfernt und hatte von unserem letzten Tasting aus Koblenz Nosing-Gläser mitgenommen und kam samt dieser zur Unterstützung. Gott sei dank, weil blind Whiskygläser befüllen nahezu immer in einer Katastrophe endet.

Irland, Schottland, Whiskey und Whisky

Thematisch vorbereitet hatte ich ein paar einleitende Worte, die den Übergang von der Fortbildung zum Tasting schaffen würden und die Physiologie berührten. Danach gab es einige grundsätzliche allgemeine Informationen über Irland und Schottland als Wiegenländer des Whiskeys und Whiskys. Und dann ging es auch schon in medias res. 6 Abfüllungen und je ein Aspekt aus der Whiskyproduktion, der etwas detaillierter dazu dargestellt werden sollte.

Line-Up Blind-Tasting

Line-Up Blind-Tasting Roter Ochse Rhens

Teeling Small Batch

Den Auftakt machte der Teeling Small Batch 2019. Der Ire war mit 46 % nach einem Finishing in Rumfässern in die Flasche gekommen. Vom Alkoholgehalt her vielleicht etwas kräftig für den Auftakt, aber die Süße und die Rumaromen schafften da schon den gefälligen Start. Überdies gab der Blended Whiskey die Möglichkeit die Unterschiede zwischen Single Malt, Single Grain, Blended Malt und Blended Whiskey zu erläutern. Und Christian konnte aus erster Hand von seinem Besuch in Dublin bei Teeling in diesem Jahr berichten (Bericht folgt).

Die Rohstoffe

Der erste Teil, der die Whiskyproduktion etwas näher beleuchten sollte, befasste sich dann mit den Rohstoffen für diesen. Die verschiedenen Getreidesorten, vor allem natürlich Gerste, aber auch Mais, Roggen, Weizen und seltenere wie Hirse, Hafer oder Dinkel kamen kurz zur Sprache. Überdies das verwendete Wasser und die besondere Rolle, welche die Wasserquellen für die Standortbestimmung von Brennereien spielen. Und selbstverständlich die Hefen, welche die Produzenten so ungerne verraten.

Bushmills Steamship Sherry Cask

Auch der zweite Whiskey des Line-Ups kam aus Irland, ein Bushmills Steamship Sherry Cask. In Erinnerung an die SS Bushmills, das Brennereischiff, das vor über 125 Jahren seine Jungfernfahrt angetreten hat, wurde eine Reihe von Whiskeys rausgebracht. Der erste dieser kam aus Oloroso Sherry Butts und wurde mit 40 % abgefüllt. Der weiche Single Malt mit der Sherryfracht kam erwartungsgemäß gut an.

Das Mälzen

Dazu kam ich auf das Mälzen zu sprechen. Wie aus Gerste Malz wird, warum man es dazu werden lässt und wie dies in den Tennenmälzereien geschieht, wurde kurz dargestellt. Wie das Keimen des Grünmalzes durch das Darren in Kilns gestoppt wird, wie das Malz geschrotet wird und welchen Einfluss das auf den Geschmack eines Whiskys haben kann, wurde angerissen.

Longmorn Distiller’s Choice

Als nächstes gab es den Longmorn Distiller’s Choice, der mit 40 % aus 3 verschiedenen Fassarten in die Flasche gekommen ist. Bourbonfässer, Sherryfässer und erstbefüllte Fässer aus amerikanischer Eiche haben dem Single Malt seine schön komplexe Süße verliehen, die ebenfalls gut angekommen ist und die mit der deutlichen Karamellnote überzeugen konnte.

Das Maischen

Dabei wurde das Maischen beschrieben. Die beeindruckenden Mash Tuns, das Wässern dieser in mehreren Schritten, das Abfließen der Würze und die chemischen Aspekte und Gründe waren im Fokus der Ausführungen.

Balvenie Single Barrel First Fill 12 Jahre

Nach einer kurzen Pause gab es einen kräftigen Wiedereinstieg mit dem Balvenie Single Barrel First Fill 12 Jahre aus einem erstmalig mit Whisky befüllten Ex-Bourbon-Fass. Die 47,8 % Alkoholgehalt waren doch ein wenig viel für die vielen Anfänger, aber als interessant wurde der von mir sehr geschätzte Whisky, ein Traum aus Eiche, Honig und Vanille, doch durchaus wahrgenommen.

Das Gären

Dazu gab es einige Erläuterungen zum Gären. Hier wurde nochmals auf die verschiedenen Hefen verwiesen, auf deren Einfluss auf den Geschmack und selbstverständlich auf die alte Streitfrage, ob die Wash Backs besser aus Holz oder Edelstahl sein sollen.

Springbank 10

Die Verkostung des Springbank 10 schloss sich an, also der erste leichte Rauch im Glas. Der würzig-maritime Malt kam mit seinen 46 % zwar nicht ganz so gut weg, verschreckte aber auch keinen Teilnehmer vollends. Der aus Bourbon- und Sherryfässern stammende Whisky bleibt für mich unter den Standardabfüllungen erste Wahl, erstaunlich komplex.

Kilchoman Sanaig

Darauf gab es den Kilchoman Sanaig ins Glas. Es war bereits vorher klar, dass die 50 ppm / Phenole nicht jedem schmecken würden. Aber die Teilnehmer hielten sich tapfer. Der Single Malt aus Bourbon- und Oloroso-Sherry-Fässern konnte doch die Rauchfans mit seinen 46 % restlos überzeugen. Eine wunderbare Kombination aus Torfrauch und Süße.

Das Brennen und die Lagerung

Zum Springbank und Kilchoman gab es einige, sehr knapp gehaltene Informationen zum Brennen und zur Lagerung. Nach einem Tag der Fortbildung voller Sachinformation von der sympathischen und kompetenten Dozentin von der Berliner Charitee musste ich mich einfach etwas beschränken auf dieser Ebene. Außerdem waren einige Freunde Werners ebenfalls im Gewölbekeller zu Gange, die beswingt von einem Besuch bei St. Kilian die akustische Übermittlung der Informationen nicht erleichtert haben.

Glendalough 13

Mit einem der sympathischen Whiskyfreunde kam ich dann auch noch näher ins Gespräch und er ließ mich den Glendalough 13 mit Mizunara Finish verkosten. Und dieser Geruch und Geschmack ist dann doch etwas sehr besonderes. Ein dermaßen hervorstechendes Aroma von Zitronenmelisse habe ich bisher in keinem anderen Whisky gehabt. Da der Malt noch von Cooley sein dürfte, könnte dieses Aroma tatsächlich aus der japanischen Eiche kommen. Auf jeden Fall beeindruckend.

Eine Schnapsleiche

Währenddessen kam dann aus dem Restaurant eine Kursteilnehmerin leicht nervös in den Gewölbekeller hinüber und berichtete von einem Kollegen mit Diabetes, der wohl etwas angeschlagen zu sein schien. Während des Tastings, an dem er nicht teilgenommen hatte, war er an der Theke etwas übereifrig gewesen. Kein Problem, als Whiskygraphen bieten wir auch betreutes Trinken an. Also kurz rüber und einsfixdrei hatten wir den Kollegen sicher im Bett. Und hier war Sicherheit doch auch angezeigt, schließlich durfte er sich auf keinen Fall zu viel Insulin spritzen. Da muss man schon aufpassen.

Nach dem Tasting ist vor der Kneipe

Alex & Christian

Im Gewölbekeller zurück befanden sich alle im Aufbruch. Also noch rasch, vor allem mit Christians Hilfe, aufgeräumt und dann noch ein kleiner Abschluss im Restaurant. Nach gutem Whisky ist Jägermeister einfach Pflicht.

Der nächste Morgen

Am nächsten Morgen gab es das Frühstück ab 07:30 Uhr, ein echter Traum nach einem Whiskytasting. Ich war etwas in Eile, noch leicht verschlafen und selbstverständlich im „Voll“-besitz meiner geistigen Kräfte, als ich die Kurve nach der Treppe etwas zu scharf genommen habe. Die Ecke des Tisches, die ich erwischte, brachte selbigen doch etwas in Wallung und ein Stapel Gläser, der auf ihm stand, fiel um.

Blut

Anhand des Sounds schätzte ich, wieviel der Gläser wohl zu Bruch gegangen waren. Und stolz kann ich verkünden, dass ich richtig lag – es waren 2. Die konnte ich da auf keinen Fall liegen lassen. Es hätte ja ein blinder Kollege vorbeikommen und versehentlich hineinfassen und sich schneiden können. Also griff ich hinein und schnitt mich am Finger. Super Idee, man hätte es wissen können. Wenn die Grobmotorik noch nicht funktioniert, dann ist die Feinmotorik vielleicht auch noch nicht so weit. Ich sammelte trotzdem an Scherben ein, was ich – Achtung Wortspiel! – in die Finger bekam und drückte es dem Personal mit einer Entschuldigung und dem Zusatz, dass ich alles vollgeblutet hätte, in die Hand.

Beim Frühstück

Also ich habe ja schon in einigen Hotels randaliert und geblutet, aber nirgendwo blutet es sich wie im Roten Ochsen in Rhens. Da wurde doch während des Frühstücks mein Finger wie nebenbei und selbstverständlich gesäubert und mit einem Pflaster versorgt. Wirklich toll. Und ein wenig Blut war sogar noch übrig, sodass ich auch der guten Referentin später noch folgen konnte.

Fazit

Wie soll man das nun alles bewerten? Die Fortbildung war prima und die Bewirtung und Unterbringung im Roten Ochsen wie immer großartig und von einer selbstverständlichen Menschlichkeit geprägt, wie man sie nur selten erlebt. Und das Whiskytasting mit Jägermeister-Finish? Also, wenn nach dem Tasting die Schnapsleichen weggetragen, das Blut weggewischt, die Wunden versorgt und die Hälfte der Teilnehmer blind sind, dann hat wohl alles hingehauen.

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